WG-Gesucht für inklusives Wohnen

WOHN:SINN hilft Menschen mit und ohne Behinderung, gemeinsam in einer WG zu wohnen.

by Nadia Boegli, April 3, 2017

WOHN:SINN ermöglicht Menschen mit Unterstützungsbedarf ein Leben in der Mitte der Gesellschaft und unterstützt so den Austausch und die Inklusion auf ganz aktive Art und Weise. Wir sprachen mit dem Gründer Tobias Polsfuß über seine persönliche Motivation dahinter und warum es so wichtig ist, sich für Teilhabe einzusetzten. 

Erzähl uns ein bisschen von WOHN:SINN. Was hat es damit auf sich?

WOHN:SINN will es Menschen mit und ohne Behinderung möglichst einfach machen, gemeinsam in einer WG zu wohnen. Solche WGs nennen wir inklusive WGs. Sie ermöglichen Menschen mit Unterstützungsbedarf ein selbstbestimmtes Leben in der Mitte unserer Gesellschaft. Und gleichzeitig erleben wir doch den „ganz normalen Wahnsinn“ des Zusammenlebens. So hat sich auch der Name ergeben.

Auf unserer Online-Plattform www.wohnsinn.org findet man eine WG-Börse für alle inklusiven Wohnprojekte im deutschsprachigen Raum, einen Blog, in dem ganz viele inklusive WGs Geschichten aus ihrem Alltag erzählen, und Informationen für alle, die selbst eine inklusive WG gründen wollen. Außerhalb des Internets beginnen wir gerade Vorträge, Workshops und Beratung für Interessierte und inklusive WGs anzubieten.

Jede*r soll sich umfassend über inklusive WGs informieren können, sodass es sie hoffentlich bald überall und in ganz unterschiedlicher Form gibt.

Woher kam die Motivation dahinter WOHN:SINN zu gründen?

Ich wohne jetzt seit 4 Jahren in München in einer inklusiven WG. Wenn ich Leuten von unserer WG erzählt habe, waren diese meistens erstaunt, dass es sowas gibt. Außerdem hab ich mich gefragt, ob es solche WGs auch anderswo gibt. Ich dachte mir, es müsste etwas geben, das all diese inklusiven Wohnprojekte zusammenbringt und anderen hilft, es an ihrem Ort nachzumachen.

Wie unterscheidet sich WOHN:SINN von anderen inklusiven Wohnprojekten?

Das besondere an WOHN:SINN ist, dass wir selbst gar kein Wohnprojekt sind. Wir sind vielmehr der Trichter, der all das Wissen aus inklusiven Wohnprojekten sammelt und zu den Leuten bringt, die selbst eins gründen wollen.

Was waren bis jetzt eure größten Hürden? Und wie habt ihr diese überwunden?

Ganz am Anfang stand einfach nur die Idee. Ich hatte weder jemand, der eine Website programmieren konnte, noch Kontakt zu irgendeinem inklusiven Wohnprojekt – abgesehen von dem, in dem ich selbst wohne. Aber ich habe einfach immer mehr Menschen von der Idee erzählt und sie kam erstaunlich gut an. So fand sich bald die Agentur beta-web, die sich um technische Umsetzung kümmerte und einige Freunde halfen mir dabei, die Wohnprojekte zu recherchieren und zu kontaktieren und letztlich auch viele davon zu besuchen. Viel geholfen hat der der Verein Gemeinsam Leben Lernen, in dessen WG ich wohne und der solche WGs schon seit 1989 betreibt.

Was würdest du anderen raten, die sich ebenfalls dem Thema Inklusion widmen möchten?

Tut es! Denn es ist kein Nischenthema, wie viele glauben. So vielen Menschen wird in unserer Gesellschaft aufgrund von irgendwelchen Merkmalen – sei es eine Behinderung, eine Fluchterfahrung oder ihr ökonomischer Status – die gleichberechtigte Teilhabe verwehrt.

Etwa die Hälfte der Erwachsenen mit einer sogenannten geistigen Behinderung wohnt zum Beispiel auch im fortgeschrittenen Alter noch bei den Eltern. Von der anderen Hälfte wohnt die Mehrheit in Heimen. Kein Wunder, dass laut Umfragen nur etwa jede*r Fünfte in Deutschland Kontakt zu Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung hat.

Durch inklusive WGs kommen Menschen mit und ohne Behinderung in Kontakt, Vorurteile werden abgebaut und das nicht nur innerhalb der WG. Sie sind vielmehr ein Samen, der in viele Bereiche wächst. Jemand, der oder die in einer inklusiven WG gewohnt hat, wird später als Arbeitgeber*in keine Vorbehalte haben, einen behinderten Menschen einzustellen.

Wie kann man Euch unterstützen?

Momentan arbeite ich an WOHN:SINN freiberuflich unterstützt von einem ehrenamtlichen Team. Mein Ziel ist es daraus ein Sozialunternehmen zu gründen. Dafür suche ich noch ein*e Co-Gründer*in. Falls das also jetzt jemand liest, der oder die mich vor allem durch BWL-Kenntnisse ergänzt und sich vorstellen könnte, bei WOHN:SINN einzusteigen und daraus ein Sozialunternehmen zu gründen, dann bitte unbedingt bei mir melden! J

Was macht dich zum Changer?

Puh, gute Frage. Wahrscheinlich der unbedingte Wille, anderen das zu ermöglichen, was ich selbst jeden Tag genießen darf.