Ein Leben mit Sinn

Shai Hoffmann spricht über Transparenz, Vertrauen und proaktive Kommunikation.

by Julia Wegner, November 5, 2015

Ein sinnerfülltes Leben in dem man seinen Passionen nachgehen kann, wünschen sich viele. Shai Hoffmann ist einer von ihnen. In seinem letzten TedX Talk sprach er davon, wie #Crowdlove seine Art zu Denken und Arbeiten veränderte. Diese Woche erklärt uns der Sozialunternehmer, Crowdfunding-Experte und Schauspieler, wie er es schafft sein Leben sinnvoll zu gestalten, welche Rolle dabei seine Crowd spielt und wie man auch den schlimmsten Shitstorm durchsteht.

Shai, Du bist ein Mann der vielen Passionen. Was ist derzeit Deine größte Leidenschaft?

Meine große Leidenschaft ist momentan ein Film, den ich gerade abgedreht habe: #3min of Fame, Love and Peace. Wir wollen mithilfe des Mediums Film und der Narrative, Themen ansprechen, die gesellschaftlich brisant sind und dadurch polarisieren. In #3min spiele ich als Berliner Jude einen Muslim namens Ali Habib. Der Film soll zum interreligiösen Dialog und zu mehr Empathie einladen. Wir wollen zeigen, dass der Qur’an mehr ist als das, was uns die heimischen Medien oftmals übermitteln. Der Film beruht auf dem Buch „Osama Bin Laden schläft bei den Fischen“ von Dr. Milad Karimi, einem Professor der Universität Münster für Islamische Philosophie. Hierin beschreibt Karimi den Qur’an als Gebetsbuch voller Liebe und Nächstenliebe. Diese Erfahrung hatten Karimi und seine Eltern auf deren Flucht aus Afghanistan in den Neunzigern gemacht. Der Film ist eine Einladung, die Schönheit des Qur'an auf eine sinnliche Weise zu erfahren.

Das Erstaunliche an diesem Projekt war oder ist, dass alle an diesem Film Beteiligten kein Geld verdienen. Ich habe beobachtet, dass ich für Projekte, in  denen ich kein Geld verdiene, engagierter bin. Das ist seltsam, aber ein befreiendes Gefühl, weil kein Druck herrscht und jede*r mitgestalten kann. Ich konnte beobachten, wie Menschen am Set über sich hinausgewachsen sind. Das war eine sehr tolle Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.

Trotzdem muss man sich natürlich auch seinen Unterhalt verdienen – wie entscheidest Du Dich in welche Projekte Du Deine Energie und Zeit steckst?

In erster Linie schaue ich auf die gesellschaftlichen Auswirkungen, die Projekte mit sich bringen. Ich habe Betriebswirtschaftslehrere an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin (HWR) studiert. BWLer bekommen oftmals nicht zeitgemäße Modelle und Theorien vermittelt. Das war auch bei mir der Fall. Vieles drehte sich um Optimierung und Effizienz von Kapital und Personal. Maximierung und Skalierung waren tägliche Begriffe, mit denen ich konfrontiert wurde.

Nach der Uni dann, im echten Leben, wird man mit praktischen Herausforderungen konsultiert. Da kann man nicht einfach theoretische Modelle anwenden und rationale Entscheidungen treffen. Denn es geht um Menschen und deren Schicksale. In meiner(m) (Beruf)ung begegne ich vielen Menschen, die alle auf ihre Weise spannend und inspirierend sind. Wenn ich merke, dass jemand spannende und gute Dinge vor hat mit der er/sie gesellschaftspolitische Herausforderungen angehen möchte, dann bin ich bereit meine Energie und Zeit (unter Abwägung zeitlicher Verfügbarkeit) auch pro Bono zu investieren. Wenn dabei noch was kleines rumkommt (monetär), kann ich mir am Ende des Tages noch ein Sojawürstchen kaufen; fein.

Ich würde mich als Pragmatiker bezeichnen. Wenn ich heute eine Idee habe, möchte ich sie am liebsten morgen direkt umsetzen. Ich muss also immer abwägen, wo ich mit der begrenzten Energie, die ich besitze, einen so schönen Nutzen hervorbringen kann, dass ich  und meine Umwelt glücklich sind.

Was bedeutet denn für Dich „Sinn“?

An unserem #3min Film arbeitet auch Sanaa mit, die in einer Episode Regie geführt hat. Sanaa ist arbeitslos, bezieht HartzIV und setzt sich am LaGeSo Tag und Nacht für Flüchtlinge ein, die sie liebevoll „ihre Schützlinge“ nennt. Ihr Engagement ist für mich sinnstiftende Arbeit. Denn die Lebensbegleitung von Flüchtlingen, insbesondere direkt nach ihrer Ankunft, ist eine sehr wertvolle  und wichtige Aufgabe. Denn ein Großteil der Geflüchteten ist teilweise stark traumatisiert und mit der Bürokratie Deutschlands heillos überfordert. Sanaa kreiert mit ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement einen unmessbaren Wert für Deutschland. Je schneller Geflüchtete integriert werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf eigenen Beinen stehen und finanziell unabhängig sind. "Sinn für mich bedeutet eine Tätigkeit zu verüben, die einen unmittelbaren, positiven Effekt auf meine Mitmenschen, die Gesellschaft und die Umwelt hat."Sanaa ist für mich deshalb ein Paradebeispiel für eine sinnvolle Tätigkeit, die nun auch der Staat als solche erkennen und fair vergüten muss.

Deine Crowd ist sehr wichtig für Dich. Was sind Deine drei Top-Tipps für diejenigen, die auch versuchen so ein Following aufzubauen?

Meine drei Punkte die ich den Menschen immer mitgebe sind:

  1. Proaktive Kommunikation – Du musst immer aktiv mit Deiner Crowd kommunizieren und sie an deinem Leben teilhaben lassen.
  2. Transparenz – Du darfst keine Angst davor haben auch mal persönliche Dinge Preis zu geben: Deine Gedanken, Ängste und Sorgen.
  3. Vertrauen – Du musst Vertrauen in Deine Crowd haben, dass sie Dich so annimmt, wie Du bist. Dabei darfst Du natürlich auch keine Angst davor haben, Gegenwind zu erfahren. Denn nur durch konstruktive Kritik wächst man.

Ich habe da ein gutes Beispiel. Vor einigen Wochen wurde ich gefragt, ob ich mich in der jüdischen Gemeinde zu Berlin (JGB) als Repräsentant zur Wahl im Dezember 2015 stellen möchte. Das war für mich eine große Ehre. Die JGB ist derzeit, unter ihrem jetzigen Vorsitzenden Dr. Gideon Joffe, sehr umstritten, da man immer wieder - auch aus der Presse sowie Mitgliederkreisen - von Intrigen hört sowie starken Indifferenzen in der Repräsentantenversammlungen, in denen Entscheidung teilweise willkürlich und intransparent getroffen werden.

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich für diesen verantwortungsbewussten Posten aufstellen lassen sollte. Daraufhin habe ich meine Gedanken in einen Text verfasst und skizziert, was m.E. nicht richtig läuft, wofür ich stehe und was ich ändern würde. Dann habe ich auf meiner Tastatur die Enter-Taste gedrückt und den Text auf Facebook gepostet.

Die Expertise, Intelligenz und die Teilhabe der Crowd hat mich (mal wieder) überwältigt und schließlich dazu gebracht, doch abzulehnen, weil mir deutlich geworden ist, dass ich mit der Energie, die ich für dieses Ehrenamt hätte aufbringen müssen, anderswo eine dankbarere Wirkung mit größerem gesellschaftlichen Nutzen erzielen kann. Im Zweifel frage ich also immer die Crowd, die mich in meiner Entscheidung auf den richtigen Weg lenkt.

Was war bisher Deine schlimmste Erfahrung und wie hast Du diese bewältigt?

Den schlimmsten Shitstorm habe ich damals während der Karma Chakhs Ernte erfahren. Ich habe einen wichtigen Auftraggeber verloren und zudem ist beinahe zeitgleich meine geliebte Mutter verstorben. Das hat mich umgehauen, weshalb ich meine Crowd in einer Umfrage gefragt habe, ob sie bereit wäre mir ein Crowd-Stipendium zu geben: 1.200 Euro pro Monat, für 3 Monate. Insgesamt 3.600 €.

Die meisten haben dafür gestimmt, dass ich mir das Geld nehmen darf, aber es gab ein paar sehr hartnäckige Gegenstimmen, die auch Verleumdungen in die Welt gesetzt haben. Das ist besonders im digitalen Zeitalter problematisch, weil  das Internet nichts vergisst . Diese seelische Entblößung gegenüber der Crowd war für mich persönlich ein sehr schwieriger Schritt. Nach Abwägung und Rücksprache mit dem Initiator des Karma Chakhs Projekts, Van Bo Le-Mentzel, habe ich mich schließlich gegen die Geldentnahme entschieden, weil ich nicht für schlechtes Karma sorgen wollte.

Dennoch bin ich überzeugt, dass ein Lösungsweg Transparenz und Offenheit ist. Dass ich mich so „nackig" gemacht hat, hat mich im Endeffekt auf die spannende Reise geschickt, auf der ich heute bin. Ich habe viele Emails, SMS usw. erhalten, die mich wieder aufgebaut haben. Und im Endeffekt waren diese wichtiger als Geld. Das nenne ich #CrowdLove. Ich kann deshalb nur raten:  Geht raus und redet mit so vielen Menschen wie möglich und lernt von ihnen - selbst und gerade wenn Ihr eine neue Businessidee habt. Die Erkenntnisgewinnung, die man durch offene Gespräche bekommt, ist ungleich höher als die Gefahr, dass diese Idee kopiert wird.

Was macht Dich zum Changer?

Eigentlich sehe ich mich selbst gar nicht als Changer. Aber vielleicht die Tatsache, dass ich zugunsten von Projekten, die eine gesellschaftliche Wert(e)schöpfung haben und mich glücklich machen, auf finanzielle Sicherheit verzichte. Auch durch meine gesundheitliche Situation (ich bin seit 2007 Nierentransplantiert) lebe ich viel mehr im Hier und Jetzt. Das erlaubt es mir, meine sichere Box zu verlassen und Dinge zu tun, die mich jeden Morgen aufs Neue voller Tatendrang aus dem Bett holen, und mich das Leben sehr wertschätzen lassen. Denn dieses ist endlich, was wir uns immer vor Augen halten sollten. Ein Hoch also...auf's Leben!