Meine Kleine Farm

Ein Business, das erst dann erfolgreich ist, wenn weniger gekauft wird.

by Naomi Ryland, November 17, 2014

RIND. HUHN. SCHWEIN. Abendessen, wahrscheinlich. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch bei durchschnittlich 60,2 kg im Jahr. Jedes Jahr isst der Durchschnittsdeutsche mehr als sein Durchschnittskörpergewicht in Fleisch. (Fleischatlas 2013) Es ist kein Geheimnis, dass wir Deutschen Fleisch lieben. Aber denkt man beim Genuss wirklich darüber nach, was man da isst? Oder was für eine wahnsinnige Industrie dahinter steckt?

Schon alleine, dass in jedem tausendsten Schlachthof täglich 25 000 Schweine geschlachtet werden. Aber gut, das soll eigentlich nicht Thema dieses Artikels sein. Heute möchten wir lediglich über ein einziges Schwein reden. Und zwar Schwein 160.

Für den letzten Artikel in unserer Serie mit Ben & Jerry’s über Sozialunternehmen, die mit Essen Gutes tun, wollten wir was ganz Besonderes machen. Wir wollten uns einem Thema annähern, das uns am Herzen liegt (wir sind hier bei The Changer letztendlich alle überzeugte Fleischesser, werden uns aber zunehmend darüber im Klaren, dass das mit dem täglichen Salami Brot nicht mehr lange gut gehen kann). Und wenn wir sagen “annähern”, meinen wir das auch wortwörtlich. Wir wollten nicht einfach darüber lesen oder mit den relevanten Personen telefonieren. Wir wollten hin. Wir wollten uns das selber anschauen. Also haben wir uns auf die Schweinesuche gemacht.

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Das Team von Meine Kleine Farm war natürlich der perfekte Begleiter dafür. Wer das Konzept nicht kennt, der wird staunen. Meine Kleine Farm, gegründet vor 4 Jahren von Dennis Buchmann als Teil seines Masterstudiums, hat es sich zum Ziel gesetzt, uns alle zu weniger Wurstkonsum zu animieren. Ihm war es aber klar, dass man Fleisch doch niemandem verbieten kann (wie es die Grünen versuchten) und predigen wollte er auch nicht (wie es Vegetarier oft versuchen). Er möchte die Fleischesser selbst zur Erkenntnis bringen, dass weniger eben mehr sein kann.

Wie kommt man also am Besten an den Fleischesser? In dem man ihm leckeres Fleisch verkauft. Logisch, oder? Wie bringt man aber den Fleischesser gleichzeitig dazu, weniger Fleisch zu essen? Dennis’ Strategie: Man packt das Bild des Tiers auf die Verpackung. Und zwar nicht nur ein generisches Bild von irgendeinem Tier aus der industriellen Haltung, sondern eben genau von dem Tier, das in Fleischform vor einem auf dem Teller liegt. Ein Tier, das ein glückliches Leben auf einem “echten” Bio Bauernhof in der Nähe verbringen durfte. Somit ist das Fleisch zwar teurer, als bei Massenproduktion, aber dafür viel, viel leckerer. Und das Tier auf unserem Teller hat ein Gesicht. So werden wir dazu angeregt zweimal darüber nachzudenken, ob wir wirklich die billige Supermarktwurst kaufen oder nicht doch lieber zur bekannten, glücklichen Biosau von Meine Kleine Farm greifen. Wir essen somit weniger Fleisch, aber dafür sicherlich bewusster.

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Uns hat es aber nicht gereicht, die Bilder von den Tieren zu sehen. Wir wollten das Schwein persönlich kennenlernen. Also verabredeten wir uns mit Laura Kübke (Vize-Schwein) und Dennis beim Gutshof Hirschhaue am Rande vom Berlin.

Dort hatten wir Gelegenheit auch Bauer Henrick Staar persönlich kennenzulernen, der genauso zufrieden und begeistert von seinem Job ist, wie Dennis und Laura und es beinahe schaffte, sogar uns Städter davon zu überzeugen selbst Schweinebauern zu werden. Glaubt uns: In einem so idyllischen Bauernhof würde eigentlich fast jeder arbeiten wollen. Hirsche und Schweine schnüffeln und springen über riesige Felder und Äcker. Hirsche? Ja, Hirsche. Das Ungewöhnliche ist, dass sich diese Bauernfamilie auf Wildtierhaltung spezialisiert, d.h. die Schweine sind auch mit Wildschweinen gekreuzt. Mit Bio Wild begann der Vater von Henrick nach der Wende, als die Landwirtschaft in Brandenburg zusammengebrochen war. Seitdem rotieren Hirsch, Schwein, Eiweißpflanzen, Kleesorten, Kräuter und lecker Kartoffeln in einem siebenjährigen Karussell des Lebens von Acker zu Acker, um möglichst effizient und schonend wirtschaften zu können. Und das Ganze ohne den Einsatz von künstlichen Düngemitteln. Tiere und Pflanze leben in symbiotischer Harmonie…. zumindest bis Henrick mit seiner Kamera aufs Feld kommt und Fotos vom Schwein macht und später der Vater mit dem Gewehr folgt, um die Harmonie des portraitierten dicken Schweinchens zu beenden.

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Als Wildtiere dürfen die Schweine eben auf dem Feld direkt erschossen werden. Somit müssen die Schweine nicht die Quälerei des Todestransports zum Schlachthof (oft Stunden entfernt) durchleben.

Im Mastbetrieb um die Ecke werden bis zu 30.000 junge Schweine am Tag geschlachtet. Bei Henrick lernen wir ca. 200 Schweine kennen, die alle in Familiengruppen gemeinsam auf dem Feld aufwachsen und bis zu zwei Jahre alt werden -viel älter als ein schnell hochgezüchtetes Supermarkt Schwein. Bei Meine Kleine Farm sind es nur 6-7 Schweine im Monat, die im Bearbeitungszentrum landen und zwar einzeln ausgesucht von den unterschiedlichen Bauern, mit denen sie zusammenarbeiten. Somit sind die Produkte entsprechend teurer, aber die Qualität des Fleisches deutlich höher. Meine kleine - aber feine - Farm.

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Und so haben wir Schwein 160 kennengelernt. Glücklich lag sie im Schlamm herum. Schwein 160 wurde nämlich gerade fotografiert als wir ankamen. Sie wird wohl bald einem Wurstgeniesser Freude bereiten. Der Heldenmarkt steht vor der Tür und dafür werden leckere Wiener gebraucht. “Ach die willst Du für den Heldenmarkt. Die ist doch viel zu schön für Bockwurst. Guck sie doch mal an!” sagt Henrick mit einem verliebten Blick. Doch das Schicksal hat gesprochen.

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Meine Kleine Farm steht eben nicht für den Verzicht. Dennis und Laura sind genauso wie wir Wurstliebhaber. Jedoch haben sie mit einer der cleversten, abgedrehtesten Business Idee den Konsum auf den Kopf gestellt. Sie setzen sich für weniger Fleischkonsum ein, indem sie Fleisch verkaufen. Genial! Wie schön wäre es, wenn sich dieses Konzept durchsetzen würde: Komplette Transparenz und ein stärkeres Bewusstsein dafür, was es wirklich heißt, wenn ein Supermarkt z.B. 100g Hühnerfleisch für 24 Cent verkauft. Keiner muss komplett verzichten, aber wir alle können weniger und dafür hochwertigeres Fleisch essen.

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Und somit fahren wir glücklich und mit gefüllten Taschen - voll mit guter Salami -  nach Berlin. Und sind wieder mal überzeugt davon, dass Sozialunternehmertum einfach mal verdammt cool ist. Geld machen ist doch easy. Geld machen und die Welt retten, das ist die Herausforderung unserer Generation!

 

B&J
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ben & Jerry’s für die Möglichkeit so viele tolle Sozialunternehmen zu entdecken und auf The Changer vorzustellen. Es hat uns unheimlich viel Spaß gemacht und wir hoffen Euch auch! Hast Du die anderen Artikel über Honig, Kuchen, Chutney, Gemüse und natürlich leckerem Eis verpasst? Nächste Woche lernen wir beim Finale des “Bist Du der nächste Ben & Jerry’s” Wettbewerb in London einige der Top Sozialunternehmer/innen Europas kennen! Bettervest und Foodloop aus Deutschland sind mit dabei. Wir freuen uns drauf!