Über Freiwillige und Geflüchtete

Die Heimleiterin und Sozialarbeiterin plaudern aus dem Nähkästchen.

by Juliette Wyss, November 8, 2016

Neu tut gut. Seit Januar betreut Arzu zusammen mit Hilal eine Gruppe von sechs geflüchteten Afghanen, die im Flüchtlingsheim in Bad Homburg untergebracht sind. The Changer begleitet die Gruppe während sechs Monaten und berichtet über ihre Erlebnisse. Im ersten Artikel haben wir euch die Gruppe vorgestellt, danach haben Arzu und Hilal uns einen Blick hinter die Kulissen gewährt und wir haben euch die sechs Männer genauer vorgestellt. Gegen Ende unserer Serie wollen wir gerne noch die Meinung des DRK hören. Deshalb haben wir die Sozialarbeiterin Kathrin Kiefer vom DRK-Kreisverband Hochtaunus und Andrea Weidenbach – die Einrichtungsleiterin – befragt. Was funktioniert gut in der Flüchtlingshilfe? Was nicht? Braucht man wirklich diese ehrenamtliche Hilfe? Die ehrlichen und äußerst reflektierten Antworten haben wir für Euch zusammengefasst, denn wer weiß es besser als diese Damen an der Front?

Deutschland hat noch nie so viele helfende Hände gebraucht wie während der momentanen Flüchtlingswelle. Die Situation wäre einiges chaotischer und unorganisierter, wenn sich nicht täglich tausende Freiwillige in Flüchtlingsunterkünften engagieren würden. So auch in der Gemeinschaftsunterkunft in Bad Homburg, wo schon alleine vom DRK 120 ehrenamtlich HelferInnen im Einsatz sind. Dazu kommen aber noch mehrere Engagierte aus den Kirchgemeinden und den Stadtteil- und Familienzentren. 

Es ist allerdings total faszinierend zu sehen, dass die Helferstruktur in der Flüchtlingshilfe nicht dieselbe ist, wie in anderen Bereichen. So sind in anderen Gebieten häufig ältere Menschen engagiert, die im Alter noch nach einer neuen Aufgabe suchen. In der Flüchtlingshilfe handelt es sich aber immer mehr um jüngere Menschen und es gibt auch ein paar Studenten, die sich einsetzen. Die Motivationen sind dabei sehr vielfältig. Zum einen handeln Menschen aus dem Hilfsgedanken heraus, manche aber auch weil sie selber Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung gemacht haben. Interesse und Neugierde sind natürlich auch wichtige Elemente und für manche Menschen dient das Engagement natürlich auch als Ablenkung von den eigenen Sorgen.

Auch gibt es sehr vielfältige Möglichkeiten, sich zu engagieren. Zum einen kann man sich als DeutschlehrerIn zur Verfügung stellen, in der Arbeitsgruppe „Ausbildung und Beruf“ tätig werden, das Sport- und Freizeitprogramm der Unterkunft bereichern, Kinder- und Jugendarbeit leisten oder, so wie Arzu und Hilal, sich im Patenschaftsprogramm engagieren.

Doch was ist eine Patenschaft überhaupt? Sie zeichnet sich durch die Freiwilligkeit von beiden Personen aus. Eine Patenschaft ist beiderseits freiwillig. Eine Patenschaft ist kein einmaliges Treffen, sondern ein Prozess. Das Ziel sollte dabei immer die Hilfe zur Selbsthilfe sein, bei alle Beteiligten ihren Horizont erweitern und voneinander lernen können.

Ein Sprung nach Bad Homburg. Dort gibt es insgesamt zwei Flüchtlingsheime, ein großes à 240 Flüchtlinge und ein kleines mit 60. Dabei handelt es sich meistens um Syrer, Afghanen, Pakistani, Irakern, Iranern und Eritreer. Immer zu zweit teilen sich die Geflüchteten ein 10m2 Zimmer, die Sanitäreinrichtungen, Küche und vieles mehr. Dieses enge Miteinander führt ab und an zu Konflikten, vor allem politische Konflikte sind vorhanden, so zum Beispiel zwischen Kurden und Arabern. Generell kommt es aber selten zu Stresssituationen.

Zurzeit sind ungefähr 33 Patenschaften offiziell an dem Integrationsprojekt „Menschen stärken Menschen“  des Bundesfamilienministeriums beteiligt. Wieso so wenige? Inoffiziell gäbe es natürlich viel mehr, aber viele Flüchtlinge und Deutsche scheuen die Formalitäten, die eine Zusammenarbeit offiziell machen. Dementsprechend laufen viele Patenschaften ohne vorherigen Papierkram und sind nicht im DRK Register verzeichnet.

Die Flüchtlinge lernen ihre Paten meistens beim monatlichen Teegarten kennen, bei dem Menschen aus Bad Homburg die Möglichkeit bekommen, beim Flüchtlingsheim Tee zu trinken und Geflüchtete entscheiden können, ob sie sich unter die Menschen mischen wollen oder nicht. Die Patenschaft wird auch nicht als solche kommuniziert, sondern hat mehr eine "Komm-Struktur". Bei diesen Events ergibt sich dann immer die Möglichkeit zu schauen, ob sich eine Patenschaft ergeben könnte, ob die Personen zusammenpassen, sich gut verstehen und sich beide eine längerfristige Zusammenarbeit vorstellen können. Denn eine Patenschaft kann nicht funktionieren, wenn man sich vielleicht nur einmal pro Monat trifft. Eine gewisse Dauer oder Häufigkeit der Treffen ist allerdings nicht vorgeschrieben, das würden die Beteiligten unter sich ausmachen. Es gibt auch nicht einen Richtwert, wie lange eine Patenschaft dauern würde. Das hängt nicht nur vom Willen der MentorenInnen und Mentees ab, sondern auch davon, wie lange ein Flüchtling überhaupt in Bad Homburg ist. Eine Patenschaft braucht aber auch eine gewisse Anlaufzeit, man muss der Beziehung dementsprechend auch Zeit lassen, um zu wachsen.

Kathrin Kiefer (links) und Andrea Weidenbach (rechts)

Ganz einfach ist die ganze Mentoring-Geschichte aber doch nicht und es gibt immer wieder einmal eine Patenschaft, die abbricht, weil die Erwartungen nicht erfüllt worden sind. Manchmal passt die Chemie halt einfach nicht. Aber Deutsche können auch sehr übergreifend sein und eine genaue Vorstellung davon haben, wie ein Flüchtling zu sein hat. Dann geht es nicht mehr ums gegenseitige Verständnis, sondern um eine einseitige „Erziehung“, was überhaupt nicht dem Sinn des Patenschaftsprogramms entspricht. Kommunikationsschwierigkeiten vereinfachen den Kontakt natürlich auch nicht. Denn Sprache ist der wichtigste Schritt zur Integration.

Nichtsdestotrotz ist eine Patenschaft eine super Möglichkeit zur Integration. Denn der persönliche Austausch führt dazu, auf beiden Seiten Ängste abzubauen. Vorurteile sind unvermeidbar und die Begegnung ist die einzige Chance, diese abzubauen.

Allerdings ist die Beziehung, die Arzu und Hilal zu den Jungs aufgebaut haben, außergewöhnlich. Dank den zweien bekommen Kathrin Kiefer und Andrea Weidenbach eine regelmäßige Rückmeldung. Dies ist sonst sehr schwierig, da die Sozialbetreuung auf einen Schlüssel von 1 zu 80 zurückfällt. Die Jungs seien aber vor allem emotional gut aufgehoben bei den jungen Frauen und haben einen neuen Austauschpartner gefunden.

„Wir schaffen das.“ Das ist klar. Selbstverständlich müsste politisch noch das eine oder andere geschehen. Aber wichtig zu betonen ist es, dass sich jetzt schon innerhalb der letzten 9 Monaten unglaublich viel zum Positiven verändert hat, was die gesetzlichen und behördlichen Abläufe angeht.  Und die Hilfe des Umfeldes ist auf jeden Fall da - auch wenn es leider etwas nachlässt. Und man darf auch nicht vergessen, dass die meisten Flüchtlinge gar nicht in Deutschland bleiben wollen und wieder in ihr Heimatsland und zu ihrer Familie zurückkehren wollen, sobald sich die Situation beruhigt hat. Wenn man nun diese Menschen hier in Deutschland gut ausbilden würde, bevor sie zurückgehen, könnte das eine super Möglichkeit zur Friedenssicherung sein.

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Diese Geschichte können wir Ihnen nur Dank der Mitwirkung des Deutschen Roten Kreuz erzählen. Das DRK betreut als Gesamtverband gegenwärtig bundesweit in 369 Notunterkünften rund 30.000 Flüchtlinge. Über 25.000 hauptamtliche und ehrenamtliche DRK-Helfer sind rund um die Uhr im Einsatz, um Bund, Länder und Kommunen zu unterstützen. Ihre Aufgabengebiete sind: Aufnahme, Erste Hilfe, Betreuung, Verpflegung, sanitätsdienstliche Versorgung, Suchdienst und Beratung. Und das in z.T. spontan eingerichteten Notunterkünften oder in eingesetzten Sonderzügen. Darüber hinaus haben sie zahlreiche Beratungs- und Begleitungsangebote, um auch die nachhaltige und erfolgreiche Integration der Flüchtlinge in den Alltag zu ermöglichen. Hier erfährst Du mehr über die Arbeit der DRK im Flüchtlingsbereich