Ehrenamt: Langweilig und zeitraubend? Von wegen!

"Wenn Dir Dein Ehrenamt dann doch mal die „Zeit rauben“ sollte, wirst Du nichts dagegen haben. Denn diese Zeit ist gut investiert!"

by Julia Hübner, June 10, 2015

Während meines Bachelors habe ich eigentlich nur gelernt. Rechungswesen, Management, VWL und Marketing – immer schön (auswendig) lernen und bloß nicht ablenken lassen.  Klar, hat man auch mal was mit Freunden unternommen, aber mal so wirklich über den Tellerrand geschaut?! Nicht wirklich!

Nach dem Bachelor beherrschte ich die Grundregeln von Wirtschaft und Politik, hatte ein paar Praktika gemacht, die durchaus bereichernd waren und Spaß machten, aber ich merkte: Das reicht mir nicht. Im Master war ich definitiv bereit für mehr!

Ich beschloss ein Auslandssemester zu machen. Zypern, zur Winterzeit. Why not?! Neben dem ausgiebigen „Arbeiten“ am optimalen Sommerteint blieb mir noch genug Zeit, um mir meinen zypriotischen Sommerjob im Januar zu suchen. Ich fing bei BirdLife Cyprus als Ehrenamtliche an. Dort lernte ich zum ersten Mal die Arbeit in einer NGO kennen und traf Menschen, denen es genauso wichtig ist wie mir, dass unsere wundervolle Natur und die Tiere geschützt werden. Für mich, sonst eher in einem stark wirtschaftswissenschaftlich geprägten Umfeld lebend, war das der Himmel auf Erden!

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Foto Copyright: Greenpeace Kassel - Infostand zum Freihandelsabkommen TTIP

Zurück in Deutschland fehlte mir genau das. Gleichgesinnte, die Lust haben sich in spannenden und coolen Projekten für den Umweltschutz stark zu machen. Deswegen schaute ich mich in meiner Heimatstadt Kassel um, was sie so im Bereich Umweltschutz zu bieten hat. Und war erstaunt! Wir haben eine Greenpeace Gruppe? Ja Wahnsinn, dass sind doch die, die sich von Hochhäusern abseilen um Banner aufzuhängen. Die, die sich mit den ganz Großen wie z. B. adidas anlegen. Meine Neugier war geweckt.

Ehrenamt - wie läuft das so ab?

Die Greenpeace Lokalgruppen veranstalten regelmäßig, extra für so (damals) Neulinge wie mich, sogenannte „Neuentreffen“. Dort wird Greenpeace als Organisation vorgestellt, deren Ziele und Motivation, was sie so machen und vor allem, was in Deiner Stadt so veranstaltet wird. So nach und nach wurden mir die verschiedenen Themenbereiche, in denen Greenpeace aktiv ist, erklärt. Neben Arktisschutz, Gentechnik, Detox (Giftstoffe in der Kleidungsproduktion) und Meere gibt es noch vieles mehr.

In Deutschland sitzt die Greenpeace Zentrale in Hamburg. Von dort aus werden wir quasi betreut. Wir werden über zukünftig geplante Aktionen, seien es Demonstrationen oder Aktionstage informiert. Dann entscheiden wir, ob wir daran teilnehmen möchten oder nicht. Alles läuft auf komplett freiwilliger Basis ab, was heißt, wenn Du keine Lust oder Zeit hast an einer Aktion teilzunehmen, dann musst Du nicht!

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Foto Copyright: Greenpeace Kassel - Mahnwache für die in Russland gefangenen Aktivisten

Aber was heißt eigentlich Aktion? Unter Aktion fassen wir sehr viel. Oft sind wir mit Infoständen zu bestimmten Themen in der Stadt unterwegs. Passiert etwas in der Politik oder Wirtschaft wo wir mitreden möchten, informieren wir Passaten/innen und sammeln Unterschriften. Unser Ziel ist den Menschen zu zeigen, dass auch sie an der öffentlichen Diskussion teilhaben können und etwas z. B. für die Energiewende in Deutschland tun können. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen einfach nicht wissen, was sie für Handlungsmöglichkeiten haben und da wollen wir ansetzen. Quasi informieren und zum Handeln inspirieren!

Es gibt aber noch jede Menge andere tolle Aktionen. Wenn was spannendes ansteht fahren wir auch mal mit dem Bus oder Zug aus Casselfornia raus. Ich hatte schon zweimal das große Glück an der internationalen Anti-Kohle Kette teilnehmen zu dürfen. In der Lausitz ist der Bau neuer Braunkohletagebaue geplant und wir haben eine 8 km lange Menschenkette mit rund 7500 Menschen aufgestellt um zu zeigen, dass wir nicht wollen, dass die Landschaft und viele kleine historische Dörfer wegen des Baus neuer Tagebaue zerstört werden und das Klima durch den hohen CO2 Ausstoß während der Verbrennung von Kohle gefährdet wird. Dort habe ich Menschen aus aller Welt getroffen – dieses Gemeinschaftsgefühl war der Wahnsinn!

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Foto Copyright: Greenpeace Kassel - Internationale Anti-Kohle Kette in der Lausitz

Letzte Woche, am 4.6., sind einige unserer Gruppe nach München zur großen G7/TTIP Demo gefahren. Mit ihrem Plakat „Klima- oder Kohlekanzlerin?“ wiesen sie unsere Bundeskanzlerin darauf hin, dass Klimaschutz vor wirtschaftlichen Zielen steht muss. Mehr Infos hier.

Die Möglichkeiten sich einzubringen sind riesig!

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Foto Copyright: Greenpeace Kassel - G7/TTIP Demo in München

Neben den spannenden internationalen oder deutschlandweiten Aktionen, an denen wir teilnehmen, machen aber vor allem die ganz individuellen Aktionen Spaß. Da kann jeder seine eigenen Ideen nur so sprießen lassen. Zu nennen wäre da unsere Schlauchbootfahrt zum Schutz der Arktis.

Ehrenamt - eine Frage von Zeit?

Ich glaube eine sehr verbreitete Annahme ist, dass man im Alltag keine Zeit für eine ehrenamtliche Tätigkeit hat. Ob Schule, Uni, Ausbildung oder Job – ist doch alles schon stressig genug. Abends ist man dann froh, wenn man mal auf dem Sofa sitzen kann. Fernseher an, noch was essen, vielleicht duschen und dann ab ins Bett, damit man am nächsten Tag wieder fit ist. Aber ist das wirklich so? Entspannt es sich abends einen Film oder gar die Realityshow auf RTL anzuschauen? Oder wäre es nicht sinnvoller nochmal zum Sport zu gehen, Freunde zu treffen oder sich eben einem Ehrenamt zu widmen?

Ich tippe auf letzteres. Sich abends oder am Wochenende, zusammen mit inspirierenden ähnlich denkenden Menschen, Themen völlig fernab von den Alltagsthemen aus Job oder Uni zu widmen ist mega erfrischend. Mit lieben Menschen an Projekten zur Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels zu arbeiten ist nicht nur krass motivierend, sondern macht auch super viel Spaß und lenkt dazu noch vom Alltagsstress ab!

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Foto Copyright: Greenpeace Kassel: Ice Ride - Radeln zum Schutz der Arktis

Übernimmt man Ämter wie z. B. „Öffentlichkeitsarbeit“ oder „Internetauftritt“ erlangt man sogar noch so ganz nebenbei wichtige Skills für den beruflichen Werdegang und kann sich mal so richtig austoben. Da organisiert man dann z. B. die Pressearbeit. Das heißt es werden Pressemitteilungen geschrieben und die lokalen Zeitungen und Journalisten kontaktiert, um sie auf interessante Aktionen aufmerksam zu machen. Ist das einem allein zu aufwendig, können sich solche Ämter natürlich auch mit einem Freund oder einer Freundin geteilt werden. P.S.: Das kommt auch gut im Lebenslauf!

Konnten wir Dein Interesse wecken? Wenn Du jetzt denkst, wow das will ich auch, horch mal in Dich rein. Wofür schlägt Dein Herz? Umweltschutz, Menschenrechte, Mentoring, nachhaltiges Wirtschaften, Arbeitnehmerschutz, Essenverschwendung oder Tierschutz - die Auswahl an Themen, wofür Du Dich stark machen kann ist riesig! Das tolle ist, dass viele Organisationen so gut wie in jeder Stadt in Deutschland (oft sogar weltweit!) eine Lokalgruppe oder eine Hochschulgruppe haben. So kannst Du Deine Heimatstadt mal völlig neu kennen lernen oder in einer neuen Stadt ganz schnell Anschluss finden. Ob Greenpeace, Amnesty International, Sneep, Rock your life oder kleine Vereine und Organisationen – es gibt unglaublich viele Möglichkeiten aktiv zu werden! Lerne neue Leute kennen, engagiere Dich, werde Teil einer (weltweiten) Bewegung and do good!

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Foto Copyright: Greenpeace Kassel - "On top" Save The Arctic Aktion

Geh einfach mal zu einem Neuentreffen oder falls, der nächste Neulingstreff in weiter Ferne liegt, Du es aber nicht mehr abwarten kann, dann freut sich jede Gruppe auch, wenn Du einfach mal so vorbei schaust. Infos zu den Zeiten und Locations findest Du auf der jeweiligen Webseite meist unter "Mitmachen" oder "Lokalgruppen". Viele Gruppen haben auch eine Facebook Seite und dort kannst Du sie direkt anschreiben.

Schau einfach mal vorbei, mach ein zwei Aktionen mit - Du wirst schnell merken, was Dir Spaß macht und wo Deine Stärken liegen. Falls Du dann nicht mehr genug von Deinem neuen Ehrenamt kriegst, kannst Du richtig einsteigen und ein Amt übernehmen.

Hast Du eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder? Für die kleinen unter uns gibt es meisten extra Jugendgruppen. So können sie ihre eigenen spielerischen und kreativen Aktionen, meist mit der Betreuung eines schon großen Ehrenamtlers auf die Beine stellen.

... und Du wirst merken: Wenn Dir Dein Ehrenamt dann doch mal die „Zeit rauben“ sollte, wirst Du nichts dagegen haben. Denn diese Zeit ist gut investiert!

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