Eco Fashion in Berlin

Interview mit loveco Gründerin Christina Wille.

by Julia Hübner, July 28, 2015

Inspiriert von der Berliner Fashion Week haben wir uns mit Christina Wille, Gründerin und Inhaberin von dem Friedrichshainer Fairtrade Eco Fashion Laden loveco unterhalten. Im Interview erzählt sie uns warum nachhaltige Mode so wichtig ist und worauf Du achten musst, wenn auch Du Dich wirklich 'gut' anziehen möchtest.

Was war Deine Motivation dahinter loveco zu eröffnen?

Ich beschäftige mich seit mittlerweile mehr als acht Jahren mit Fair und Eco Fashion. Am Anfang stand nur das Interesse im Vordergrund möglichst viel über die textile Kette, über Herstellungsbedinungen in Drittländern, über Ausbeutung und die Auswirkungen der Textilproduktion auf Umwelt und Tier zu lernen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es immer mehr tolle Brands gibt, die den Anspruch der fairen und ökologischen Produktion erfüllen und dabei auch noch Bekleidung designen, die mir vom Stil sehr gut gefallen. Allerdings ist es immer noch kompliziert an die Produkte heran zu kommen. Im Lebensmittelbereich ist das mittlerweile weitaus einfacher. Und wer sich von Biolebensmitteln ernährt, der kommt auch meist irgendwann zu dem Punkt, an dem er über seine Kleidung nachdenkt. Aber allein schon aus ökologischen Gründen möchten viele nicht online bestellen müssen. Die Nachfrage steigt stetig, es gibt tolle Brands, mit denen es wahnsinnig viel Spaß macht zusammen zu arbeiten und so war ein logischer Schritt sich nach vielen Stationen im Eco Fashion Bereich mit einem eigenen Laden selbstständig zu machen.

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 Zur Zeit hast Du einen Shop in Berlin: Planst Du weitere Shops zu eröffnen?

In Planung ist zurzeit kein weiterer Laden. Für die Zukunft würde ich es aber nicht gänzlich ausschließen. Dafür starten wir ab Herbst voraussichtlich mit einem kuratierten Onlineshop, in dem unsere Kunden ausgewählte Styles einkaufen können.

Sustainable Fashion ist stark im kommen: Warum ist es so wichtig auf faire und nachhaltige Mode umzusteigen?

Wir haben zurzeit eine große mediale Aufmerksamkeit um das Thema faire und nachhaltige Mode. Dabei muss immer unterschieden werden, ob sich ein Label ernsthaft damit beschäftigt auf strenge ökologische und faire Kriterien zu achten oder ob fadenscheinige Maßnahmen getroffen werden, um eine Marke nach außen „grüner“ darzustellen. Die Textilproduktion ist nach wie vor eine der schmutzigsten Industrien der Welt. Ein Viertel aller weltweit eingesetzten Pestizide und Insektizide werden im Baumwollanbau eingesetzt. Obwohl gerade mal auf 2,5% der weltweiten Agrarflächen Baumwolle angebaut wird. Die Insektizide und Pestizide sind nicht nur schädlich für die Böden, sondern auch enorm gefährlich für die Menschen, die täglich in den Anbauländern damit in Berührung kommen. Nicht zuletzt gelangen diese Chemikalien dann durch das Tragen auf unsere Haut und durchs Waschen in unser Grundwasser.

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Darüber hinaus wurde die Produktion von Kleidung in den letzten Jahrzehnten systematisch in Drittländer verlegt, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Häufig herrschen dort menschenunwürdige Arbeitsbedingungen: Es wird regelmäßig mehr als 12 Stunden am Tag gearbeitet und eine 7 Tage Woche ist keine Seltenheit. Die ArbeiterInnen haben keine Rechte, noch erhalten sie eine angemessen Bezahlung. Der dramatische Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesch vor mehr als zwei Jahren zeigte aufs Grausamste, auf welchem perfiden System unser Konsum von Bekleidung aufbaut. Damals starben bei einem Fabrikeinsturz mehr als 1000 Menschen. Doch hier im Westen geht es bei den meisten Menschen einfach weiter.

Faire und ökologische Produktion garantiert gerechte Arbeitsbedingungen und ökologische Materialien, die weder der Umwelt noch dem Menschen schadet.

Deine Tipps für uns: Wie ist nachhaltige Mode für den Kunden/die Kundin zu erkennen? Auf welche Siegel und welche Materialien kann bspw. geachtet werden? Welche Marken sind zu empfehlen und welche sollten eher gemieden werden?

Das bekannteste und vertrauenswürdigste Siegel ist zur Zeit der GOTS. Dieser kontrolliert die gesamte textile Kette vom Anbau der Biobaumwolle bis zum fertigen Kleidungsstück im Laden. Er garantiert die Verwendung von Biobaumwolle, umweltschonende Färbe- und Ausrüstungstechniken und stellt den Mindestlohn aller beteiligten Arbeiter entlang der textilen Kette sicher. Beim Thema Ökologie ist dieser Standard einer der sichersten. Beim Thema faire Arbeitsbedingungen ist er gut, aber noch verbesserungsfähig.

Die FWF ist der wichtigste Sozialstandard im Textilbereich. Er stellt faire Arbeitsbedingungen und Löhne sicher. Kombiniert mit dem GOTS stellen sie die Einhaltung einer ökologischen und fairen Textilproduktion sicher.

Der IVN best ist der Standard mit den sichersten Kriterien an Umwelt und Sozialverträglichkeit. Er setzt höhere Standards als der GOTS. Hier dürfen bspw. keine Synthtikfasern wie Elasthan verarbeitet werden. Das erlaubt der GOTS bis zu einem geringen Prozentsatz.

Besonders umweltschonende Fasern sind bsp. Tencel/ Lyocell, Modal Edelweiß, Biohanf, Bioleinen und Biobaumwolle. Tencel und Modal sind immer mehr auf dem Vormarsch. Biohanf und Bioleinen sind schwieriger zu finden, benötigen aber auch in konventioneller Herstellung wenig Wasser, keinen Einsatz von Insektiziden oder Pestiziden und sind deshalb auch im Ökobereich anerkannt.

Labels, die mit diesen Fasern arbeiten sind beispielsweise Wunderwerk aus Düsseldorf, Armedangels aus Köln, Kuyichi aus Amsterdam, l´herbe rouge aus Paris oder Glimpse aus München. Für tolle Hosen sind Good Society aus Hamburg, Monkee Genes aus England und haikure aus Italien empfehlenswert. 

Viele Labels können sich aus finanziellen Gründen nicht alle Siegel leisten. Hier sind wir aber da. Wir pflegen engen Kontakt mit den Gründern und Mitarbeitern und können so erklären, wie und mit welchen Materialien produziert wird.

Gemieden werden sollten die großen Player wie H&M, Primark, Zara und Co. Sie haben in den letzten Jahren zwar Kollektionen mit Biobaumwolle herausgebracht, aber all diese Maßnahmen, sehen wir eher als Greenwashing als ernstgemeintes Engagement. Auch teure Marken wie Gucci, Lacoste, Lagerfeld etc. garantieren leider nicht, dass der Kunde durch den höheren Kaufpreis eine bessere Transparenz bezüglich sozialen und ökologischen Mindeststandards erhält. Im Gegenteil: Der Preisaufschlag findet in der Regel nur zur Finanzierung der millionenschweren Werbeetats der bekannten Marken.

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Schätzt Du es als eher schwierig ein Kunden/innen für nachhaltige Mode zu gewinnen?

Nein! Ich habe loveco erst vor etwas mehr als einem halben Jahr eröffnet und bin mehr als zufrieden mit der Entwicklung. Einige Kunden kommen natürlich aus dem ökologischen, fairen oder veganen Milieu. Viele kommen aber auch einfach, weil ihnen der Stil im Schaufenster gefällt. Auch vom Preisniveau sind viele positiv überrascht. Sie erwarten höhere Preise. Ich vergleiche die Preise für Eco Fashion gerne mit Markenproduktpreisen, nur dass die Mode im loveco unter fairen und ökologischen Bedingungen hergestellt wurde.

Ich glaube, es ist häufig nicht nur eine Frage des Bewusstseins oder des Geldbeutels, sondern häufig auch eine Frage des Angebots und des Stils. Viele wollen einfach nicht auf ihren gewohnten Style verzichten und das lässt sich mittlerweile einfach verbinden: Ökokleidung, die nicht nach öko aussieht, ist an immer mehr Orten erhältlich.

Welche 5 Tipps hättest Du an andere Leute, die gerne ihr eigenes Ding machen möchten?

  1. Tauscht Euch aus mit anderen.
  2. Verfolgt immer Euer eigenes Ziel.
  3. Lasst Euch nicht zu viel reinreden: Ihr wisst am besten, was richtig ist.
  4. Zögert nicht zu lange, dann macht es vielleicht jemand anderes.
  5. Habt keine Angst vor Fehlern. Aus denen lernt man.

Was macht Dich zu einer Changerin?

Die Modewelt ist immer noch durchzogen von ungerechten Bedingungen gegenüber Mensch, Tier und Umwelt. Diesen Missstand will ich entgegenwirken, ich will etwas bewegen und zeigen, dass es Alternativen gibt. Alternativen, die Spaß machen, gar nicht so teuer sind und vor allem gut aussehen! Wir sind noch ganz am Anfang dieser Bewegung und wir werden auch noch lange eine Nische bleiben. Aber es muss Jemand anfangen! Deshalb habe ich loveco gegründet!

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